Der Ruf der Wildnis

Ich kneife die Augen zusammen und versuche, die Vögel am Horizont auszumachen: Eine Gruppe Waldstörche, ein rosa Löffler, ein Jabiru und ein paar Habichte. Savannenhabichte vermutlich, doch sicher bin ich mir nicht und greife zum Fernglas. Ich drehe am Rädchen und fokussiere die beiden Greifvögel. Ich erblicke das braun-rot-schwarz gemusterte Gefieder, den gelben Schnabel und spüre jene Befriedigung, die einen guten Schüler überkommt, wenn er eine Aufgabe richtig gelöst hat. “Ja, Savannenhabichte”, flüstere ich in die Stille der Weite hinein. Wie gut ich sie doch bereits alle kenne, die Reiher und Enten, die Habichte und Störche, die Sittiche und Ibisse! Sie waren mir vertraut wie die erdige Brise der Trockenzeit, die Staubwolken, die nun durch die Savannen fegten und eine Sandschicht über alles und jeden legten, welche sich in die heiße Wildnis wagten. 

Dies war meine sechste Trockenzeit und ich hatte gelernt mit ihr auszukommen. Das metallene Heulen der Singzikaden, die drückende Wärme, die monatelange Dürre und der Staub waren mir zu einer vertrauten Routine geworden, zu den Symptomen einer Jahreszeit in einem Land, von dem ich gedacht hatte, dass es gar keine Jahreszeiten habe. Nun wechsele ich bereits im sechsten Jahr von der Schwüle, den Monsunregen, Gewittern und Mückenschwärmen der Regenzeit zu den Staubwolken, steinharten Böden und gelb verdörrten Savannen der Trockenzeit; und ich mag es, mag die Wechsel, die Natur, die Tierwelt. 

Versonnen blicke ich auf die Gruppe Waldstörche bis sie schließlich abheben und mit ein paar kräftigen Flügelschlägen davon segeln. Etwas muss sie erschrocken haben, dass sie ihren idyllischen Platz, eine einsame bis auf wenige Quadratmeter völlig verdorrte Lagune, eine Oase im Wald, verlassen. Dann erblicke ich sie. Regine und Dennis, meine Gäste aus Berlin, tauchen aus dem Wald auf und treten an die Lagune heran. Hinter ihnen läuft die kleine und kräftige Gestalt von Rey, dem örtlichen Llanero-Guide. Ich starte den Pick-Up und verlasse mein schattiges Plätzchen auf der einen Seite der Lagune und fahre über den aufgerissenen harten Boden hinüber zu den drei Entdeckern, die jetzt Brillenkaimane in dem verbliebenen seichten Wasser der Lagune fotografieren. 

Regine strahlt. “Jetzt kann kommen was will. Wir haben eine große Ameisenbärin mit ihrem Jungen gesehen”, strahlt sie. Die Berliner zeigen mir die Fotos auf ihrer Digitalkamera. Ich bin erleichtert. Jetzt kann kommen was will, denke ich. Es ist der erste Tag mit Regine und Dennis und wie immer mit Gästen bin ich angespannt, hoffe inständig, die ganze Bandbreite an Wildtieren möge sich uns in diesen Tagen zeigen. Dafür sind die beiden hier, dafür haben sie bezahlt. 

Auch wenn Gäste Verständnis zeigen und auch wenn die Natur sich nicht bändigen lässt, nicht auf Abruf in Szene setzt, so bin ich doch immer enttäuscht, wenn wir nicht mindestens einen der hiesigen Big Five sehen: Den großen Ameisenbär, den Südlichen Tamandua -einen kleinen Ameisenbär-, ein Gürteltier, eine Anakonda oder eine Wildkatze. Brüllaffen, Wasserschweine, Weißwedelhirsche, Scharlachibisse, Kaimane und Orinoco-Gänse gehören ohnehin fest ins Programm. Es sind hohe Ansprüche, die mit jeder gelungenen Tour steigen. Der Druck steigt, die Besucherzahlen steigen, die Erwartungen steigen.

Ich atme durch, erinnere mich daran, dass wir noch vor gut drei Jahren allein beim Anblick eines roten Ibisses, eines Papageis oder eines Kapuzineräffchens aus dem Häuschen gerieten. Damals unternahmen wir Radtouren und Wanderungen, Reittouren und Ausflüge mit unseren ersten Gästen und konnten kaum ahnen, welch exotische Tierwelt sich doch in den Wäldern und Savannen der endlosen Llanos-Prärien verbarg, welches Potenzial. Kaum jemand ahnte es.

Dann begann eine Handvoll örtlicher Leute, den hiesigen Tourismus für immer umzukrempeln und wir gehörten dazu. Einige Farmer luden uns ein, ihre Farmen zu erkunden und zu bewerten, ob diese touristisch attraktiv seien. Ab da war die Dose der Pandora geöffnet; es gab kein zurück mehr. Wir hatten die Tiere entdeckt und kurz darauf hatten es auch die ersten Gäste. Schließlich waren sie nicht mehr wegzudenken aus unseren Touren, die Wasserschweine und Hirsche, die Ameisenbären und Kaimane, die Käuze und Ibisse, die Störche und Reiher.

Zwischen Safaritouren und Vogelbeobachtungen, zwischen Wanderritten durch endlose Feuchtsavannen, Mittagspausen unter mächtigen Mangobäumen und Abenden im Feuerschein, hatte ich mich so eingelebt, “eingeliebt” und häuslich gemacht, dass ich mich nun selbst fast wie ein scheues Reh durch eine europäische Großstadt bewegte, dass die Welt, aus der ich kam und in die meine deutschen Freunde nun Kinder und Neubauten setzen, mir fast außerirdisch vorkommt.

Ich war sprichwörtlich in den Busch gezogen, war dem Ruf der Wildnis gefolgt und hatte es mir in ein paar alten Jeans und khakifarbenen Hemden bequem gemacht, unter einem breitkrempigen Hut und in Gummistiefeln, im Pferdesattel, in einem undichten Holzkanu bis zu den Knöcheln im schlammigen Wasser hockend, durch das Dickicht schleichend, bedacht kein Geräusch zu machen, durch die Savanne streifend und windaufwärts einem Ameisenbär folgend.

Es fühlt sich mitunter an als könne ich Mutter Erde und ihren Lebewesen hier direkt in die Seele blicken, ihren Atem spüren, ihre Emotionen lesen; dies rührte an meiner Essenz. Hier war ich ganz bei mir. Hier war ich ganz nah am Ursprung, da wo wir vielleicht alle eigentlich hingehören. Ich sehe das an Regine und Dennis, sehe das auch an anderen Gästen, wie sie da selbstvergessen eine Gruppe Affen beobachten, die uns so ähnlich sind, wie sie fasziniert die Augen und Haut der Brillenkaimane studieren oder eine Köhlerschildkröte, die nach Gras schnappt, beides Arten, die schon viel länger auf Erden weilen als wir. Ich sehe wie sie im Dickicht hocken und den Atem anhalten, weil ein Ameisenbär vorbeiläuft, der uns noch nicht gewittert hat, wie sie bereitwillig bei Sonnenaufgang spazieren, wenn es noch angenehm kühl ist, und den Duft der frühmorgendlichen Savanne inhalieren und sich wieder als Teil des großen Ganzen begreifen. Hier weit draußen und fern von allem sind wir genau das: weit draußen und fern von allem und wieder bei uns selbst.

Der Busch, die Savannenlandschaften, das alles nährt vielleicht eine kollektive Erinnerung an den Ursprung. Die Weite und der Horizont, die Einsamkeit und Stille, die schiere Unendlichkeit, die uns gleichzeitig schrumpfen und wachsen lässt, erden uns. Wir werden vielleicht bescheiden in Anbetracht der Weiten und nehmen uns selbst nicht mehr so ernst, wenn wir den Lauf der Natur mit eigenen Augen beobachten und bemerken, wie weit wir uns von diesem entfernt haben. Auch werden wir hier draußen nicht abgelenkt oder manipuliert mit Werbebotschaften, Verpflichtungen und Gruppenzwang. Hier draußen ist es so still, dass es auch im Kopf still wird. Es sollte gar nicht “Ruf der Wildnis” heißen, denn die Wildnis ruft nicht. Sie flüstert. Der Wind lässt die langen Gräser flüstern und wir hören es kaum, hören in unserem hektischen Alltag nicht, dass die Wildnis uns zu sich zurückholen möchten, uns braucht und wir sie. 

Nur wenn wir wirklich einen Bezug zur Wildnis haben, eine tiefe Liebe für die Natur empfinden, werden wir etwas dafür tun, sie zu schützen. Die Wildnis täte gut daran, uns zu rufen, und wir täten gut daran, dem Wind zu lauschen.

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