Weihnachten und andere Missstände

Weihnachten in Kolumbien ist, so wie alles in Kolumbien, erst einmal sehr kolumbianisch: bunt, laut, katholisch und familiär. (Alleine beim Auflisten dieser Adjektive frage ich mich wieder einmal, wie ich ausgerechnet hier gelandet bin.)

Der Niederrheiner mag es ja gerne “ohne Gedöns”, Farben höchstens in Pastelltönen, Musik dezent im Hintergrund, eher protestantisch (aber eigentlich auch nicht) und anstatt im Kreise der Großfamilie zu feiern und zu klatschen sitzt er lieber mit den engsten Verwandten zusammen (wenn überhaupt) um eine besinnlich-ruhige Festtafel im Kerzenschein – ist ja auch kalt draußen.

Nicht so jenseits des Atlantiks und nahe am Äquator. In den Llanos ist zudem Trockenzeit, der ,,Sommer” in voller Blüte. Wortwörtlich! Blühende Jacaranda-Bäume zieren die Landschaft und gelbe Blüten rieseln hinab von ausladenden Trompetenbäumen (Tabebuia). Gerade ist die Mango-Ernte vorüber. Wo nichts blüht, da helfen etwas buntes Papier zu Blüten gefaltet und Kunststoffbäume, Lametta und LED-Lichtschläuche. Es ist schließlich Dezember.

Drückend heiß, staubig und windig lässt uns das Klima glauben, wir säßen dauerhaft vor einem Fön, der uns außerdem Staub und trockene Blätter ins Gesicht bläst. Vor die Tür gehe ich jetzt am liebsten in den Dämmerungsstunden. Die Frisur hält nicht. Ist aber auch egal. Ich habe mir die Haare vorsorglich kurz schneiden lassen.

Trockenzeit, das fühlt sich immer ein kleines bisschen an wie der europäische Herbst: Die Blätter rascheln beim Spaziergang unter den Füßen, sie tanzen vertrocknet über den Asphalt und machen “krch krch krch”, die Bäume werden kahl und das Gras verfärbt sich braun-gelb. Gleichzeit gibt es ein Blütenmeer an den Berghängen, von Jacaranda und Tabebuia, und die Menschen pilgern in Scharen zu den Flussstränden, um sich für ein Bad in die kalten Fluten der nun kristallklaren Flüsse zu stürzen – häufig wortwörtlich und kopfüber von einem der vielen Felsen im Wasser.

An Heiligabend, der Noche Buena am Abend des 24. Dezember, kommen die Familien zusammen. Sie ist der Höhepunkt eines Monats voller dem Jesuskind huldigender Rituale. Als wichtigste seien hier genannt die Novenas, Gebetsgesänge in lustiger Runde, häufig mit Familie, Freunden und Nachbarn, und die Noche de las Velitas am 7. Dezember, in der ganze Straßenzüge, Vorgärten und Patios in Kerzenmeeren glänzen, welche die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria am Folgetag ankündigen.

Kurz vor der Heiligen Nacht am 24. Dezember wird es zunächst still. Sogar die kleine Supermarkt-Trinkhalle-Bar gegenüber, von der sonst unablässig Salsa, Rock und Cumbia-Rhythmen sowie das Stimmengewirr der Gäste zwischen zwanzig und neunzig in unsere Wohnung wabern, und das ausgelassene Gelächter tobender Nachbarskinder sind vollständig verklungen. Es ist so still wie noch nie und Yopal gleicht einer Geisterstadt. Auf meinen Spaziergängen mit unserer Hündin ist kaum ein Spielgefährte für sie im hiesigen Park zu entdecken. Alles ist unterwegs zu Familienzusammenkünften, auch die Haustiere. Wir sind enttäuscht, die Hündin und ich. Gleichzeit macht sich A. auf zu einer Reihe von Familiensitzungen und Treffen, die ich “sowieso langweilig finden würde”, sodass Hund und ich uns alleine die Zeit vertreiben müssen. Wir strolchen am Fluss entlang, durch verlassene Parks, durch Geisterviertel und – um das Morbide komplett zu machen – an dem alten, verlassenen Krankenhaus von Yopal vorbei, bei dem mich immer ein Schauer überkommt und an dem es nach Tod riecht, ob nun eingebildet oder tatsächlich, weil irgendwo ein Rattenkadaver verwest.

Nach ein paar Tagen in der Geisterstadt ist es dann endlich soweit. Am Abend des 24. Dezember hat die Stille ein Ende. Im Kreise der Großfamilie wird gegessen und getrunken. Es sind mindestens doppelt so viele Familienmitglieder anwesend wie ich erwartet hatte und zu fortgeschrittener Stunde wird es immer lauter, die Witze immer dreckiger und das Gelächter immer schallender. Eine letzte Novena Gebetsrunde um Mitternacht sorgt noch einmal für Beherrschung und bejubelt die Geburt Christi. Dann gibt’s endlich Geschenke für die Kinder, die natürlich noch wach sind, und Whisky für die Erwachsenen, die nicht mehr ganz so wach sind. Feuerwerkskörper werden in den nächtlichen Himmel geschossen, Raketen und Böller. Musikanlagen werden mit Vorliebe auf den Bürgersteig gerückt, auf dass das Jesuskind an seinem Geburtstag (und auch die ganze Nachbarschaft) mit Cumbia, Reggaeton und Vallenato beschallt wird.

Am 25. Dezember wache ich zu Elektrobeats aus einem Club in der Nachbarschaft auf, der sich heute an Lautstärke selbst übertroffen hat. Die Beats dringen in meinen brummenden Schädel wie Hammerhiebe. Durch die sich im Wind bäumenden Vorhänge kriecht die sich anbahnende Hitze schon jetzt um sieben Uhr morgens ins Haus. Der Tag wird wieder heiß werden. Das Laken klebt mir bereits am Körper. Benommen greife ich zu einem parktauglichen Schlabber-Outfit, um die Hündin auszuführen. Es hilft ja alles nichts. Das Tier schleckt mir bereits seit einer halben Stunde in regelmäßigen Abständen die Füße ab, die am Fußende überstehen, weil kolumbianische Betten für kleine Menschen gemacht sind.

Auf unserem Spaziergang plaudere ich mit einer Nachbarin, dann mit einem anderen Hundebesitzer und schließlich treiben wir, die Hündin und ich, ziellos durch verkehrsarme Straßen und Kreuzungen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Yopal ist verkatert. In einigen Hinterhöfen und Vorgärten geht die Familienfeier weiter, jetzt mit dem Frühstück. Ein Vater im Unterhemd serviert gerade Würstchen. Ein paar Häuser weiter steht ein dicker Mann ohne Hemd und hält eine dampfende Pfanne in der linken Hand. Dazu gibt es Llanero Musik – man muss der angereisten Familie etwas regionstypisches bieten, den Fettgürtel inklusive. Er dreht sich um und sein Blick trifft meinen. Ich lächle und nicke, der Mann nickt zurück. Ein bisschen erstaunt sieht er aus, einen Menschen zu sehen und ich frage mich, was die anderen Hundebesitzer wohl tun, damit ihre Vierbeiner sich heute erleichtern.

Doch das soll nicht meine Sorge sein. Wir erreichen die Wohnung für mein eigenes Katerfrühstück: Ei auf deutschem Brot. Dazu schwarzen Kaffee. Anschließend lege ich mich nochmal hin. Die Hitze ist angekommen und legt nun alles lahm, die Elektrobeats mit eingeschlossen. Jetzt höre ich nur noch die trockenen Blätter in den Straßen knistern. Im Halbschlaf stelle ich mir vor, wie sie über den in der Hitze flirrenden Asphalt tanzen und zucken. Dann döse ich weg bis der Hund Stunden später wieder meine Füße schleckt.

Categories Kolumbien, Postkarten

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