Zurück in der Zukunft oder “wie man es endlich nach oben schafft”

Wieder sitze ich da und schaue in die Ferne, lasse den Blick schweifen über die weiten Ebenen und das satte Grün der Savanne. Es ist fast als schlüpfe all die Weite in mich hinein je länger ich sie anschaue, als lege sie sich über jeden noch so kleinen schwermütigen Gedanken in meinem Innern und besänftige mich. Ich spüre fast wie ich tiefer in meinen Stuhl sinke als sei er eine große weiche Wolke, merke, wie etwas von mir sich los löst und davon schwebt, auch als sei es eine Wolke, einen Moment über den Ebenen verweilt und sich dann auflöst. Langsam verschmelze ich mit der Landschaft um mich herum, mit den knorrigen alten Mangobäumen, den ausladenen Cañofistales-Bäumen, deren niedrige und breite Kronen ein dichtgewobenes Kleid aus giftgrünen feinen Blättern tragen, mit dem hohen Gras, den Schäfchenwolken und dem immer währenden Surren der Zikaden.

Viele Spätnachmittage verbringe ich so. Seit fünf in der Früh bin ich auf den Beinen. Um fünf am Nachmittag werde ich faul. Dann setze ich mich in den Garten oder auf die Veranda, nippe an dem schwarzen Kaffee und lasse den Blick in den grünen Weiten ruhen, die in das goldene Licht der späten südamerikanischen Sonne getaucht sind. ,,Nur für einen Moment”, sage ich mir, ,,bis ich den Kaffee ausgetrunken habe”. Ein laues Lüftchen streichelt mich und ich werde so dösig, dass mich dann nichts, rein gar nichts, aus der Ruhe bringen könnte. Bald würde ich eine Stunde so da gesessen haben und es würde dämmern. Die Tage hier draußen verstreichen wie in einem nie enden wollenden Sommer. Kaffee schlürfen, im Schaukelstuhl wippen, ein kleines Kätzchen auf dem Schoß streicheln und in die Landschaft blicken: So wollte man gerne alt werden. Doch so weit war ich doch noch gar nicht…

Die Landschaft beruhigt, doch sie ist kein guter Impulsgeber. Irgendwie war das Leben gerade zu schön, um etwas anzustellen.

Jetzt war die Zeit, endlich all die großen Dinge zu tun, die ich immer aufgeschoben hatte. Doch dann dämmert es und ich werde müde. ,,Einen Kaffee…”, um Energie zu gewinnen, so sagte ich mir. Doch irgendwie war das Leben gerade zu schön, um etwas anzustellen.

Die Landschaft beruhigt, doch sie ist kein guter Impulsgeber. Die Schönheit und Gelassenheit sind angenehm, doch sie wühlen nicht auf. Wir Menschen sind auf Optimierung aus. Wenn alles gut ist so wie es ist, dann regt sich nichts in uns, dann tut sich nichts. Dann streben wir nichts an.

Ich war nie sesshaft oder ein Freund der Routine. Immer musste es weitergehen: Der nächste Karriereschritt, die nächste Reise, das nächste Abenteuer. Dass ich nun so sesshaft dahinschmelze in der warmen Sonne, das ist seltsam. Oft bin ich versunken in meiner eigenen Gedankenwelt. Schon immer war ich das gewesen. Doch jetzt störte das niemanden und niemand störte mich.

Die Zukunft war der optimale Zustand. Sie war ein blasses, verschwommenes Bild von irgendwas ‘Besseren’, das jedoch weder Form noch Gestalt hatte. Der Optimierungswahn, dieser eingebaute Evolutionsmotor, der bringt uns noch um den Verstand.

Ich denke an mein altes Leben. Pflichten und Anforderungen hatten mir in den Hintern getreten. Einfach so dasitzen, das tat ich einmal die Woche, wenn überhaupt. Meistens kreisten meine Gedanken schon wieder um Montag, um das nächste Projekt, um einen Termin, eine unbequeme Angelegenheit, eine Streitigkeit, eine Reise, oder, Gott bewahre, um die Zukunft. Die Zukunft war der optimale Zustand. Sie war ein blasses, verschwommenes Bild von irgendwas ‘Besseren’, das jedoch weder Form noch Gestalt hatte. So warten die Menschen auf’s Wochenende, auf den nächsten Urlaub, auf Weihnachten, auf Sommer, auf den Traumprinzen. Im Grunde hatte auch ich keine Ahnung, wo genau ich hinwollte. ,,Nach oben”, wäre die knappe Antwort gewesen. So geht es vielen Menschen. Alle wollen sie nach oben. 

Doch wo ist eigentlich dieses ‘oben’? Was bedeutet das? Die Antwort ist doch: Man könnte sich dranhalten. Denn ‘oben’ ist unendlich. Es geht immer weiter. Man hechelt ‘oben’ hinterher bis man ausbrennt. Der Optimierungswahn, dieser eingebaute Evolutionsmotor, der bringt uns noch um den Verstand. Denn wie können wir optimieren, wenn wir nicht wissen wie oder was?

Wir wollen zielstrebig sein, sind es aber nicht. Denn selbst wenn wir glauben, wir seien zielstrebig, hätten ein Ziel, so sind wir, kaum angekommen, enttäuscht von dem Gefühl, das es uns vermittelt. Nicht der erwartete Glücksrausch stellt sich ein, sondern Emotionslosigkeit oder sogar Überforderung. Da waren die frischgewordene Mutter, die gerade beförderte Managerin, die Selbstständige, die Frischverheiratete, die Spitzenabsolventin und so weiter und so fort. Sie haben Schritte getan, sind der Zukunft nachgeeifert, der Optimierung, hatten einen Meilenstein erreicht, ihr Ziel. Waren sie nun glücklich? Wollten sie hierhin? Denn sicher geht es doch noch weiter nach oben.

Wie ich so da in meinem Schaukelstuhl sitze und die grüne Landschaft mich besänftigt, ohne dass auch nur eine Seele mich zu stören wagt, so sehe ich mit voller Klarheit wie rundherum beschränkt auch ich mein halbes Leben lang gewesen bin. Hier draußen erzählte mir niemand, wer ich war oder wer ich sein sollte, wo ‘oben’ war und wo ich doch unbedingt hin sollte. Und so war ich plötzlich allein mit mir und verlor den Anspruch, nach ‘oben’ zu wollen. Genoss es, einfach zu sein. Ich konnte jetzt nochmal bei Null anfangen, und diesmal würde ich ‘schlauer’ sein und das Oben definieren. Vielleicht käme ich ja tatsächlich mal dort an.

Ruhephasen sind wichtig, für Geist und Gesundheit. Mal eine Auszeit nehmen, mal alleine sein und nichts tun müssen und nichts darstellen müssen, diese Phasen braucht jeder. Aus der Ferne und mit der Ruhe können wir uns dann neu sortieren, neu ausrichten, mal klar sehen. Was meint ihr? Habt ihr euch auch mal ganz von der Welt zurückgezogen und seid mit neuen Erkenntnissen zurückgekehrt?

Categories Postkarten

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