Alleine auf einer einsamen Insel am Ende der Welt…

Die zerklüfteten kleinen Hügel fielen ins Meer hinab, mündeten in das grüne Blau der Südsee. Der Wind warf ein paar kleine Wellen an den Strand und ließ die orangefarbenen Blumen tanzen, zittern und sich wiegen. Es roch nach Salz, nach Seetang, nach Sand, nach Blumen und nach Freiheit. Ich weiß nicht, ob ich mich schon einmal besser gefühlt hatte. Ich hatte es nämlich geschafft, wahrhaftig geschafft. Ganz alleine stand ich an einem Strand am Ende der Welt, auf einer kleinen Insel südlich von Neuseelands Südinsel.

Ich war 20 und vor mir lag nichts als das Meer und der Strand, auf den ich blickte. Ich hatte keine Pläne für die Zukunft und ich war noch zu jung, um zu wissen, dass Pläne an für sich wenig Sinn machten, weil sowieso immer alles ganz anders kam. Nur eine leise Ahnung hatte ich vom Leben, das zum ersten Mal so groß und frei erschien, so möglich. Für mich fühlte es sich an als läge mir das Universum zu Füßen. Und Fühlen ist schließlich stärker als Wissen. Aber davon hatte ich damals auch noch keine Ahnung.

Der Rausch des Glücks war so stark, dass mir das Herz raste und ich ruhig atmen musste, damit es mir nicht die Brust sprengte.

Ich lief langsam auf den Strand zu, wollte diesen Gipfel meiner einsamen Südreise voll auskosten. Ich zog die Schuhe aus und fühlte den von der Sonne gewärmten Sand unter den Füßen. Der Wind wurde stärker und zerzauste mir das von den vielen Monaten in der Sonne verblichene Haar. Die Sonne im Gesicht, unternahm ich ein paar große Sprünge nach vorn bis ich mit den Füßen im seichten Wasser stand und die Gischt meine Knöchel umspülte. Der Rausch des Glücks war so stark, dass mir das Herz raste und ich ruhig atmen musste, damit es mir nicht die Brust sprengte. Der Bauch kribbelte mir, ich grinste wie ein Idiot.

Ein Idiot vom Glück überrascht, es geschafft zu haben und am Ende einer langen Reise angekommen zu sein. Es war März. Hinter mir lagen ein halbes Jahr Rucksackreise über den roten Kontinent und eine mehrwöchige Reise von Auckland runter bis hierher zu Neuseelands südlichstem Punkt.

Vor meinem inneren Augen lief ein Film ab. Noch einmal sah ich die Stationen: wie alles begonnen hatte im August in Sydney, mein gebrochenes Englisch, das Heimweh, das mich immer wieder in heftigen Stößen überkommen und gequält hatte, die endlose Aneinanderreihung von Nächten in verwanzten Hostelbetten, mein Aufenthalt bei dem Alten im Outback, die staubige und harte Arbeit auf der Rinderfarm und die unfreundliche, kalte Familie, die mich dort angestellt hatte, das abenteuerliche Kampieren in den Nationalparks des Northern Territory, das wochenlange Leben aus dem Kofferraum eines Ford Falcon entlang Australiens Westküste, das Kellnern im Sassy’s on the Swan, einem kleinen Café an Perth’ Swan River, mein zwanzigster Geburtstag im Hippietown Fremantle, Weihnachten im Haus eines Verrückten, die unbequeme Reise mit dem Indian Pacific bis Adelaide, dann Melbourne, dann wieder Sydney, dann wieder Melbourne und irgendwann war ich in Auckland gelandet, nach Norden gereist, hatte meinen ersten Fallschirmsprung getan, war vorbei an dampfenden und stinkenden Schwefelquellen bis Wellington gereist und schließlich auf die Südinsel übergesetzt, wo ich neben Robben kajakte, einen Gletscher erklomm und beim Schwimmen im Meer von ein paar Delfinen überrascht wurde.

Und so wusste ich junger Idiot immerhin dies, dass die wahren Schätze sich nur auf jene Erlebnisse und Abenteuer gründeten, welche wir im Herzen trugen.

Noch einmal sah ich das Meer aus Gesichtern, die mich hier und dort begleitet hatten, und die zahlreichen Anekdoten und Erlebnisse aufgereiht wie eine Perlenkette. Ein Schatz, den mir niemand jemals würde nehmen können, den niemand kannte so wie ich. Und so wusste ich junger Idiot immerhin dies, dass die wahren Schätze sich nur auf jene Erlebnisse und Abenteuer gründeten, welche wir im Herzen trugen.

Ein paar Vögel kreischten mich aus meinem Gedankenfilm in die Wirklichkeit zurück. Plasch, die Wellen schlugen mir bis an die Knie. Ich sah zum Horizont und schloss für einen Moment die Augen, in stiller Dankbarkeit, es soweit geschafft zu haben – aus einem kleinen Ort in Nordrhein Westfalen ans Ende der Welt.

Alleine auf einer einsamen Insel am Ende der Welt. So hatte ich es mir immer ausgemalt. Immer und immer wieder war ich vor Abreise mit dem Finger über den Globus im heimischen Wohnzimmer gefahren, über Terra Australis, den verheißungsvollen kleinen Kontinent am südlichen Ende der Welt und über Neuseelands zwei lange Inseln. Unter Neuseelands Südinsel war mein Finger schließlich auf einem Fleckchen Land stehen geblieben, einer Insel. Ich hatte den Atlas aus dem Bücherregal gezogen – etwas altmodisch wie ich bin – und bis zu Neuseeland vorgeblättert. Stewart Island stand an der Insel. Ohne mich näher zu informieren hatte ich beschlossen, dass ich dort hin musste.

Das Leben war ein Abenteuerroman aus Geschichten, Charakteren, fernen Orten und ungewöhnlichen Lebensentwürfen

Am Ziel angekommen, rief ich meine Mutter an und verkündete ihr begeistert, dass ich immer noch nicht wisse, was ich mit dem Leben anstellen wollte, aber dass ich wisse, dass ich nie wieder mit dem Reisen aufhören würde. Das Leben war ein Abenteuerroman aus Geschichten, Charakteren, fernen Orten und ungewöhnlichen Lebensentwürfen, den ich schreiben musste.

Ich würde mich in den nächsten zehn Jahren nie entscheiden können, was ich mit dem Leben anstellen wollte, aber ich würde mit der Zeit gelassener werden und verschiedenes ausprobieren, immer so wie es sich in dem Moment richtig anfühlte. Ich würde merken, dass es nicht nur das Leben gab, sondern viele. Man musste keinen zusammenhängenden Roman schreiben, um ein Buch zu füllen, man konnte auch viele Kurzgeschichten aneinander reihen.

Einige davon finden sich in diesem Blog.

Categories Neuseeland, PostkartenTags

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