Der Alte und das Outback

Die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht. Die zerfledderten heißen Stoffsitze in dem alten Kombi dünsteten unser rosafarbenes europäisches Fleisch wie rohes Hühnchen. Ich fragte mich wie lange es dauern würde, bis wir nach Frischgebratenem rochen.

Während ich solch seltsame Gedanken spann – es lag gewiss an den vierzig Grad im Schatten -, fuhren wir durch die rotstaubige Landschaft des nördlichen Australiens. Unser Fahrer, um die Absurdität perfekt zu machen, sah Santa Claus zum Verwechseln ähnlich: Langer weißer Bart, ausladender Bauch und vom Winde verwehtes weißes Kopfhaar. Er jagte allerdings in keinem Schlitten durchs Outback, sondern in einem grünen Kombi, auf dessen Motorhaube in weißen Lettern ‘Yogi’ stand. Über das ‘o’ hatte man eine Krone gemalt. Ich würde später herausfinden wieso.

Wir mussten bereits eine Stunde unterwegs gewesen sein seit Yogi uns, mich und meinen Reisekompagnon, einen vorlauten besserwisserischen blassen Jungen von ebenfalls 19 Jahren aus Rheinland Pfalz, auf dem Parkplatz einer Ansammlung von Shops, Supermärkten, Friseursalons und Pet Shops eingesammelt hatte. So allmählich begann ich mich zu fragen, wo unsere Reise denn genau hinführte und wie lange wir noch so herumfahren und im Auto braten müssten. Wollte der Alte uns womöglich tatsächlich braten? Und dann verspeisen?

Was hatte er vor mit uns? Wo ging es hin?

Unser Englisch war begrenzt. Auf einem Flyer in einem Internetcafé in der Regionshauptstadt Darwin waren wir auf seine Annonce gestoßen, schwarz-weiß gedruckt, drei simple unvollständige Sätze: Drei Stunden Arbeit täglich gegen Unterkunft und Verpflegung auf kleiner Farm – Wwoofers willkommen – Mobilnummer xy.

Auch jetzt im Auto gab sich der Alte wortkarg. Seit unserer Begegnung hatte er kaum mehr als eine Begrüßung über die Lippen gebracht. Seine wässrig-blauen Augen sahen müde und unbeeindruckt aus und er würdigte uns nicht allzu vieler Blicke. Meinem Reisekompagnon, dem vorlauten Jungen, gefiel das gar nicht, das konnte ich sehen. Mich faszinierte der Alte irgendwie, mochte ich doch niemanden, der mehr plapperte als nötig. So wie mein Begleiter, den ich seit ich vor drei Wochen in Sydney angekommen war, noch nicht hatte abschütteln können – und das trotz Weiterfluges nach Darwin ins von Sydney weit entfernte Northern Territory.

Mit 19 Jahren das erste Mal so weit weg von zuhause war ich zunächst froh gewesen, nicht alleine zu sein. Ich würde bald merken, dass weniger manchmal mehr ist. Vielleicht hatte dieser großschnäbelige weiße Junge bis heute meine Vorliebe für’s Alleinereisen nachhaltig geprägt. Ich unterwarf mich ungern den Ideen meiner Reisebegleitung, erst recht männlicher Begleitung, die der Annahme war, gewisse Dinge schickten sich nicht für Mädchen (angeln, Motorboot fahren, trampen), schloss nur widerwillig Kompromisse und war mir selbst genug. Es konnten leicht einmal mehrere Tage vergehen bis ich ein Wort äußerte auf meinen Alleingängen durch die Welt und das störte mich nicht. Ich bin kein Redner. Ich bin ein Schreiber. Jemand, der mehr Trost in den eigenen Gedanken als in den Wortwechseln mit anderen Menschen fand.

Yogi war offensichtlich auch kein Redner. Irgendwann, nach ein paar stummen Stopps an Landwirtschaftsbedarfsgeschäften, in denen er Verschiedenes besorgte, wir fuhren gerade eine einsame Landstraße entlang, da ließ Yogi den Wagen langsamer werden. ‘Yogi’, so stand es auf einer rostigen Autotür, die an einem Pfahl befestigt war. Hier bog er links ab, schaukelte uns über eine unebene Staubpiste geradewegs ins Buschwerk hinein. Nach ein paar Dutzend Metern tauchte ein… ein, wie sollte ich es nur nennen, Haus? Hütte? Sammelsorium? auf. Ich hielt es zunächst für die Garage. Tatsächlich sollte es sich um unsere Bleibe handeln, Yogis Haus oder noch besser, wie eine Holztafel über dem Eingang verlauten ließ, “Yogi’s Kingdom” – Yogis Königreich.

Es gab glaslose Fenster und keine Türen, nur amateurhaft gemauerte Hauswände, darüber einen guten Meter Luft und schließlich ein Wellblechdach. Zwei bunt bemalte Kühlschränke standen auf der Veranda. “Those who lack money need to make up for it with creativity”, war auf den einen gemalt. Denen es an Geld fehlt, die müssen es mit Einfallsreichtum wettmachen. Yogis Motto zweifellos.

Hinter dem Haus befand sich eine Außendusche in einer selbstgemauerten Grotte, die bemoost und feucht war und die man sich deshalb mit einer nicht unbeachtlichen Anzahl von schillernden Fröschen teilen musste. Die Toilette glich einem Thron umgeben von drei Wänden und auf eine Kuhweide ausblickend. Links vom Haus stand ein breiter Baum, an dessen dickstem Ast ein Bett hing, das im heißen Wüstenwind leicht schaukelte sowie etwa vier Kaninchenkäfige – eine kreative Lösung, die Nager nicht als Schlangenfutter enden zu lassen. Hühner taperten gackernd ums Haus, zwei Pfauen riefen regelmäßig ‘mau mau mau’ vom Wellblechdach herunter und am Abend beehrten uns zwei Schweine, ein Rosafarbenes mit schwarzen Flecken und ein Schwarzes. Einige Gemüsesorten reihten sich in hochgebauten Kisten aneinander. Es gab Strom, Wasser und einen Schallplattenspieler, den Yogi fortwährend anließ. Alte amerikanische Schnulzen lullten uns ein, die Dixie Chicks trällerten und mal Frank Sinatra.

Ganze zehn Tage blieb ich bei Yogi. Mein Begleiter langweilte sich und geriet am dritten Abend bei dem Alten in Ungnade als er sich über den Kanincheneintopf hermachte und Yogi nichts übrig ließ. Es gab nur wenig zu essen. Eigentlich nur Toast zum Frühstück und dann ein warmes Abendessen. Den Tag über knurrten uns die Mägen. Der Alte lebte offensichtlich auf Sparflamme. “Gierig!”, schimpfte Yogi und schleuderte den Suppenlöffel wütend in den leeren Topf zurück. “Gierig! Gierig!”, wiederholte er. Ich nickte ihm kaum merklich zu und machte ein unschuldiges Gesicht. Endlich ein Verbündeter gegen den Reisebegleiter, der mir am Vortag wieder ganz besonders auf die Nerven gegangen war.

Mein Gefährte reiste ab. Mit mulmigem Gefühl blieb ich allein zurück bei dem Alten mitten im Nirgendwo und unendlich erleichtert.

Yogi und ich grillten an diesem Abend selbst geangelten Fisch, schenkten uns Rotwein auf Eiswürfeln ein, nahmen am Gartentisch Platz, kraulten die beiden Schweine, die faul grunzend zu unseren Füßen lagen und prosteten still ein jeder für sich dem Sonnenuntergang zu und vielleicht einander, erleichtert, allein zu sein. Eine Festtagsstimmung lag über uns Eremiten. Der Fisch war der Beste, den ich je kosten würde und das obwohl ich damals noch keinen Fisch mochte.

Es war bereits dunkel geworden und die Dingos heulten irgendwo in der Ferne als Yogi zu erzählen begann. Er habe seine Frau, eine Holländerin, und eine seiner vier Töchter bei einem Autounfall verloren. Zusammen hätten sie hier gelebt. Sie sei eine großartige Frau gewesen: talentiert, Violinistin, Sängerin, Malerin. Dieser beschissene Betrunkene sei einfach frontal in sie hinein gerast. Er blickte geradeaus ins Dunkel und ich meine, im Mondschein Tränen in seinen Augen blitzen gesehen zu haben (oder war es meine theatralische Einbildungskraft?).

Der Alte erzählte mir noch viel in den kommenden Nächten, wie er Lungenkrebs besiegt hatte zum Beispiel, er habe ja schließlich auch geraucht wie ein Schlot. Sie hätten ihn ins Krankenhaus von Darwin gesteckt, er sei wahnsinnig geworden dort, er habe Klaustrophobie, man dürfe ihn nicht in geschlossene Gebäude bringen, er brauche Weite, er müsse draußen sein.

Er erzählte wie er als Teenager aus England flüchtete nach Kriegsende. Sein Vater war gefallen und er war der Älteste von  seinen sechs Geschwistern. Die Verantwortung für sie habe er übernehmen sollen, sie ernähren hätte er sollen. Doch er hatte Angst gehabt, er wollte nicht bleiben, er wollte nicht für sie leben, er wollte frei sein. Also hatte er auf einem Schiff angeheuert und war nach Australien gefahren. Er habe England nie wieder gesehen. In Australien arbeitete er in Minen. Irgendwann lernte er seine Frau kennen. So alt wie ich sei sie da gewesen und er war schon Mitte dreißig. Eine holländische Rucksackreisende. Sie haben sofort geheiratet, damit sie das Visum bekam.

Nacht für Nacht erzählte Yogi. Tagsüber putzte ich ein bisschen das Haus, fegte die Veranda, vielmehr gab es nicht zu tun. Mir dämmerte, dass der Alte Gesellschaft brauchte und nicht Arbeitskräfte. Und so erzählte er, öffnete sich jede Nacht ein bisschen mehr, immer dann wenn es dunkel wurde im Outback, die Dingos zu heulen begannen und wir Rotwein tranken bevor wir uns für die Nacht betteten, er in seinem Schlafzimmer hinter den selbstgemauerten Wänden und ich in dem Bett im Baum, in dem ich mich mit dem Sternenhimmel zudeckte bis das Glutrot des Morgens mich weckte.

Bis heute habe ich diese frühen Morgenstunden, ihre pastellfarbenen Lichter und die Gerüche nach Staub und Erde, die wie Aromen in die feuchte frühe Luft eines anbrechenden heißen Tages hinaufsteigen, nicht vergessen: staubig, erdig, sandig, trocken. Es war der Atem der Erde. Dort auf dem roten Kontinent würde ich es endlich finden, das Leben in Freiheit wie es einem Mädchen von 19 Jahren gebührte.

Categories Australien, PostkartenTags ,

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