Wie ich einmal fast Kamelführer wurde

Ich sitze in einem durchschnittlich schlechten Pub unweit der staubigen Hauptstraße, die durch Alice Springs führt, jenem Kaff im heißen und roten Herzen Australiens, genau dort, wo sich die Linien kreuzen würden, zeichnete man eine Gerade von Zentralnordaustralien nach Zentralsüdaustralien und eine von Zentralwestaustralien nach Zentralostaustralien.

“Ya lookin’ like a country girl. What ya up to?” Der Mann an der Bar neben mir mustert mich ein paar Sekunden lang und starrt dann wieder in sein Lager, das er in der Hand dreht. Ich erkläre ihm, dass ich einen Job suche. Er will wissen, was ich denn kann. Selbstbewusst verkünde ich, dass ich Touristen führen und deutsch sprechen könne und Tiere mag.

“Reitest du?”

“Ja.”

“Pferde?”

“Was sonst?”

“Kamele?”

“Nein, keine Kamele.”

“Wenn du Pferde reiten kannst, kannst du auch Kamele reiten.”

“Das glaube ich nicht.”

“Doch, es ist das gleiche.”

“Okay.”

“Ein Kumpel von mir hat ein Kamelreitunternehmen und führt Touristen. Willst du seine Nummer?”

“Okay.”

“Vielleicht sucht er ja wen.”

“Ich habe keine Ahnung von Kamelen.”

“Das macht nix. Du kennst dich ja mit Pferden aus. Kamele sind auch nur Tiere.”

“Okay.”

Er diktiert mir eine Mobilnummer, die ich in mein Handy eintippe. “Kamel-Typ” schreibe ich statt eines Namens dazu. Nachdem auch mein Lager leer ist, verabschiede ich mich.

Am nächsten Tag nehme ich all meinen Mut zusammen und rufe den “Kamel-Typ” an. Er fragt, ob ich Erfahrung mit Kamelen habe, ob ich reiten könne. Dann fragt er noch eine Menge anderer Dinge, die ich nicht verstehe.

Es sind weit über vierzig Grad in Alice Springs und die Hitze und der Staub – und der Alkohol – haben den Einwohnern die Zungen gelähmt. Ich kann mich nur rudimentär mit den Einheimischen unterhalten, obgleich ich bereits seit zwei Monaten durch das Land reise. Stattdessen habe ich mich abwechselnd einer Westaustralierin aus Perth, einem Belgier und einem Trio Nordirinnen angeschlossen.

Ich stammle noch ein wenig in den Hörer, erzähle von meinen vielen Jahren als Reiterin. Dann erwidert er etwas und noch etwas und hängt ein. Ich glaube verstanden zu haben, dass er sich melden will. Ich glaube, dass er sich niemals melden wird. Ich würde recht behalten. Ich mag vielleicht deutsch sprechen. Doch hier spreche ich vor allem armseliges Schulenglisch, mit dem in Zentralaustralien, in dieser verdammt heißen und vor allem verdammten Gegend, in der es nicht viel mehr als rote Felsen, trockene Schluchten und Kamele gibt, keiner etwas anzufangen weiß.

Und da auch ich in dieser Gegend, in Alice Springs, wo laut Bruce Chatwin “Männer in weißen Socken für immer in Land Cruiser ein- und ausstiegen”, nichts anzufangen wusste, reiste ich bald weiter nach Norden, um auf einer Rinderfarm anzuheuern. Man wies mir ein Pferd zu und ich hatte die Rinder zu treiben. Ich war in meinem Element. Keine zehn Kamele hätten mich dort herunterbekommen.

Categories Australien, PostkartenTags

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