Hilberto, der Pferdeflüsterer

Einige Kilometer abseits der breiten Landstraße, die auf die Hauptstadt der Provinz zuführt, parkt ein schmutzig weißer Kleintransporter. Sein Besitzer Hilberto hat sich ein Lasso über die Schulter geschwungen, hält einen breiten schwarzen Plastikeimer in der rechten Hand und betritt nun eine Lichtung in dem spärlichen Wäldchen der Pferdekoppel. Ein Schimmel mit rosafarbener Nase und schwarz-grauen Schecken beobachtet den Herankommenden skeptisch. Hilberto schnalzt, der Schimmel regt sich nicht. Hilberto nähert sich und streckt den Eimer in seiner rechten Hand etwas aus. Der Schimmel streckt die rosa Nase vorsichtig aus und tut einen Schritt auf Hilberto zu. Wieder schnalzt Hilberto und hält dem Schimmel den Eimer direkt unter die Nase. Der Schimmel versenkt ganz plötzlich die Hälfte seines Gesichts in dem Eimer und beginnt gierig zu fressen. Ohne dass das Tier es gemerkt hat, hat Hilberto ihm das Lasso um den Hals gelegt.

Hilberto lässt den Schimmel fressen bis der Eimer leer ist, dann schnalzt er wieder. Ein Tanz beginnt. Mit dem Strick in der Linken lässt Hilberto den Schimmel um sich traben, mit dem Ende des Seils, dem Lasso, in der Rechten treibt er ihn an, schwingt es, lässt es auf seine Jeans und die ausgetretenen Lederstiefel knallen und schnalzt und schnalzt. Der Schimmel wird schneller. Dann lässt Hilberto ihn in Achten um sich tanzen: Links herum, rechts herum, links herum, rechts herum. Zwischendurch rutscht das Tier in dem feuchten Gras – es ist Regenzeit – und immer wieder fängt es sich. Das Licht der untergehenden Sonne färbt sein Fell gold-gelb, die in der Brise tanzenden Blätter lassen ihre Schatten auf seinem Rücken zucken, die weichen Strähnen der jungen weißen Mähne tanzen auf und ab. „Der hier ist ein Ruhiger“, sagt Hilberto. Nicht alle seien so zugänglich. „Sie bocken, buckeln, springen, treten. Sie wollen sich nicht bezähmen lassen“, erklärt er.

Der Schimmel, Galileo, ist ein anderer. Fast sieht es aus, als wolle der junge Hengst mit Hilberto tanzen. Wie eine feine Dame so trabt er, tänzelt er, scheinbar schwerelos um Hilberto herum und als dieser ihn bremst und rückwärts drücken will, weigert sich Galileo. Hilberto schnalzt wieder, biegt Galileos Kopf nach links, hält ihn dort, biegt ihn nach rechts, hält ihn dort. Dann drückt er den Kopf des Tieres, die Brust des Tieres, damit es rückwärts läuft. Galileo tut ein paar widerwillige Schritte. Er schnaubt verächtlich. Hilberto macht seinen Job. Hilberto zähmt junge Pferde, reitet sie zu und trainiert sie für die Arbeit mit den großen Rinderherden, meist Zebu. Er lacht viel, lässt die weißen Zähne in dem gegerbten Gesicht blitzen.

Ob er wohl glücklich ist, den ganzen Tag mit den edlen jungen Pferden an der frischen Luft zu arbeiten? „Die Landschaft da draußen, die Weite, das Grün, die Wildtiere, der blaue Himmel, die Farben, der Horizont – das ist alles so schön, dass einem manchmal die Augen weh tun.“ Er lacht wieder, dann schnalzt er und schwingt das Lasso. Galileo muss jetzt wieder Achten tanzen.

Categories Kolumbien, PostkartenTags

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