Zukunftsfilm

Das Moped saust summend über die nächtliche Landstraße. Es riecht nach lauer Sommernacht, nach Staub und verklungener Hitze. Der Helm wackelt schief auf meinem Kopf, er ist viel zu groß. Ich stelle mir vor, meine Augen seien Kameralinsen und ich filme die Szene in Gedanken.

Mal filme ich aus meiner Position als Beifahrer hinten auf dem Moped, ich filme A.’s verwaschene lilafarbene T-shirt-Ärmel wie sie im Wind flattern, seine zimtfarbenen sehnigen Arme, die dort herausragen und in langfingrigen Händen münden, den Lenker fest umschließend. Ich filme das Tachometer zwischen seinen Armen: 38 Kilometer pro Stunde. Dann das Schwarzblau des Horizonts in der Ferne, die Scheinwerferstrahlen auf der Straße, in denen der Asphalt blitzt und zetert wie Schmirgelpapier. Als wir unter einer Brückenunterführung hervorkommen, habe ich die Perspektive verändert.

Ich filme jetzt aus der Luft und sehe mich selbst hinter A. sitzen. Ein junges Paar, er dunkel, sie weiß, saust auf dem Roller über eine nächtliche Landstraße. Der Helm sitzt ihr schief auf dem Kopf, sie klammert sich an den Mann, ein wenig starr, weil das Moped jetzt bergauf gefährlich auf und ab hüpft.

Dann platziere ich die Kamera am Wegrand, auf dem Kopf eines streunenden Hundes, der überrascht den Kopf hochreißt. Das Paar auf dem Roller rast an ihm vorbei, ihr Scheinwerfer streift ihn kurz wie ein Lichtblitz, Motten flattern hektisch vor dem Schein herum. Dann Schwärze, Stille, das Moped hat sich entfernt. Schnitt.

Jetzt filme ich wieder mit meinen Augen. A.’s Hautton verändert sich mit jedem Laternenschein. Dann filme ich die Palmen am Straßenrand, ihre Silhouetten auf der beleuchteten Straße. An einer Ampel kommen wir zum Stehen, ich filme, wie sie von orange auf rot umspringt. Neben uns hält ein Roller, Mann und Frau und dazwischen ein Baby von wenigen Monaten. Die Frau redet und lacht, der Mann nickt kurz. Das Baby glotzt sabbernd mit großen Augen zu uns herüber. Die Ampel wird wieder orange, wir brausen los, überholen die junge Familie, die rechts abgebogen ist.

Ich stelle mir vor ich sähe diesen Film vor zehn Jahren als ich gerade die Schule beendete. Jemand sagt mir, es sei ein Ausschnitt aus meiner Zukunft. Hätte ich es geglaubt? Ich hätte gerätselt: Palmen, dunkelhäutiger Mann, flachdächige Häuser, Gewirr aus Stromkabeln über den Kreuzungen, streunende Hunde. Würde ich in Thailand sein? In Indien? In Südamerika? Würde ich reisen? In Urlaub sein? Würde ich dort leben? Wer war dieser junge Mann? Ein Freund? Mein Freund? Ich glaube, es hätte mich beruhigt zu sehen, dass sich etwas tat in meinem Leben. Ich glaube, es hätte mich beruhigt, diesen Ausschnitt damals zu sehen zu bekommen. Denn so unruhig und rastlos war ich mit 18. Nicht dass dieser Film mich reich, erfolgreich oder berühmt gezeigt hätte. Doch er zeigte zumindest, dass ich mich irgendwohin bewegt hatte, dass sich etwas tat, verändert hatte. Erfolgreich auf eine Weise, die mir wichtig war. Ich umklammere A. fester. Wir fahren zur Geburtstagsfeier seines Vaters, meines Schwiegervaters – irgendwo in Kolumbien.

Categories Kolumbien, PostkartenTags ,

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