Von Männern, Frauen und Literaten

Es war Samstag. Die Sonne hatte noch nicht ihren höchsten Stand erreicht. Es fehlten ihr noch etwa drei Stunden und so schien sie mir trotz Cappy genau ins Gesicht. Grell, warm und erbarmungslos dünstete sie mich in meiner weißen Bluse und der blauen Stoffhose als ich Richtung Osten über die staubige Landstraße radelte. Zu meiner Linken erstreckten sich die grünen Berge, die Ausläufer der östlichen Andenkordillere, zu meiner Rechten – weniger pittoresk – Tankstellen und Autowerkstätten mit oberkörperfreien und gaffenden jungen Männern, die an diesem sonnigen Tag sogar zu müßig waren, den üblichen Pfiff, reserviert für Frauen unter 40, hervorzubringen.

LKW, PKW, Motorräder und Mopeds flitzten vorbei und bliesen mir Abgase und Sand in Nase und Augen. Eine gefühlte Weile fuhr ich so dahin, in den LKW-Pausen nach Luft schnappend wie ein Fisch. Schließlich erreichte ich die Abzweigung in den ältesten Stadtteil und eine kleine von Mangobäumen eingerahmte Straße empfing mich, erlöste mich. Routiniert lenkte ich mein Rad in den Park Ramón Onato Pérez und kam vor meinem Lieblingscafé – weil immer gut besucht, einfach und ohne Schnickschnack – zum Stehen. Ich lehnte das Fahrrad an einen Blumenkübel, setzte mich an einen der Plastiktische daneben, nahm mein Cappy ab und wischte mir mit dem Handrücken mehrmals über die Stirn. Verflucht, war ich nass geschwitzt! Ich sah mich langsam um. Dabei begegnete mein Blick gleich mehreren Augenpaaren, die mich neugierig musterten. Nur Männer saßen dort und tranken ihren tinto. Keine einzige Frau war zu sehen, die sich einen Kaffee in der Sonne eines ruhigen Samstagmorgens gönnte, den Blick schweifen ließ und das Leben genoss. Überhaupt taten das die Frauen hier nicht, hatten dies nicht zu tun: Müßig in ein Café einkehren und es sich, wenn auch nur an einem Morgen der Woche, gut gehen lassen, das ohnehin spärliche Haushaltsgeld für einen Kaffee ausgebend – undenkbar!

Ich wartete auf meine Verabredung und rührte grübelnd mit dem Strohhalm in meinem Mangosaft herum. Die Männer schauten zu mir herüber, die Alten offen und neugierig, die Jungen schüchtern und verhalten. Nein wirklich, eine Frau alleine im Café am Samstagmorgen zu sehen, war ungewöhnlich. Die Anreise mit dem Mountainbike machte mich nicht weniger exotisch und ebenso wenig die blonden Haare.

Ich schaue über den Park herüber zu den anderen Cafés. Nein, tatsächlich keine Frauen, keine einzige. Nur Männer, allein telefonierend oder in kleinen Gruppen redend, lachend und guckend. Zufrieden sahen sie aus. Vielleicht scherzten sie sogar über ihre Frauen, über Frauen allgemein, wer weiß. Und die Frauen? Ich vermutete, die schrubbten die Patios, die Dielen, fegten die Höfe, gossen die Blumen, wiegten die Kinder und kochten das Mittagessen und sicher waren sie froh, dass ihnen ihre Männer nicht im Weg herumstanden und auch noch nach ihnen verlangten. Somit waren alle zufrieden, die einen mehr, die anderen weniger.

Die Männergruppe am Nebentisch schaltete nun den Fernseher ein und begann ein Fußballspiel zu verfolgen. Es war Copa América, Amerikameisterschaft, in Chile und die eigene Nationalmannschaft machte sich gut dort drüben bei den Chilenen. Diskussionen begannen, Hände flogen in die Luft und die Stimmen der Männer wurden entweder zeitgleich lauter oder verstummten völlig, wenn es besonders spannend wurde. Sport verbindet.

Dann kam der wahre Exot: Meine Verabredung. Isa, 27 Jahre, aus Cartagena de Indias, Buchhalterin, ledig, wohnt allein und verdient ihr eigenes Geld. Selbst ist die Frau. Und ebenso selbstbewusst kam sie heran, hauchte mir einen Kuss auf die Wange und legte ihr Buch auf den Tisch. Es war das neueste Buch meiner Lieblingsautorin. Ich wusste, wir würden uns verstehen. Literatur verbindet.

Auch das macht Isa zur Exotin: Lesen. Weit weniger als ein Buch im Jahr liest der kolumbianische Durchschnitt im Jahr. Eine nicht ganz unwesentliche Minderheit, meist auf dem Land, kann überhaupt nicht lesen. Die Schule für ein paar Jahre muss dort reichen, um zählen zu können und die Grundrechenarten zu kennen. Denn rechnen, das müssen sie – mit jedem Centavo. Erstaunlich, dass dieses Land einen Literaturnobelpreisträger hervorgebracht hat. Doch so ist es: gegensätzlich, widersprüchlich und oft unglaublich. Und weil das so ist, hauen einige eben doch in die Tastatur, greifen zum Stift, um all die Gegensätze und Ungerechtigkeiten und Widersprüche und Wunder zu verarbeiten. ,,Magischer Realismus” wurde geboren. So beschreibt auch meine Lieblingsautorin, ihrerseits Chilenin, mit einer Fantasie und Gewandtheit, das man in das Kaninchenloch fällt und erst viele Tage später wieder hinausfindet aus dem Wunderland.

Wunderland, jawohl. Liest man Isabel Allende oder Gabriel Garcia Márquez etwa während man mit dem Bus durch den Londoner Feierabendverkehr nach Hause fährt, während einer Zugfahrt von Hannover nach Berlin, während einer Kaffeepause in einem holländischen Stadtpark oder auch in der eigenen Wohnung in einer mittelgroßen dänischen Stadt, dann glaubt man mit Sicherheit, der Autor sei ein großer Poet, Fantast, gar Spinner. Liest man das Buch hingegen in einem Straßencafé in einem Dorf irgendwo in Chile, auf einer Parkbank in Bogotá oder auf einer Expedition durch den Amazonas, dann nickt man wissend, zustimmend, wenn Allende, Márquez und Co von Geistern, Konflikten, Putschs, großen Familien, alten Häusern, Kolonialherren, Dschungelbestien, Bediensteten, Patriarchen, Seuchen, Korruption, von Gold, von Musik, der Karibik, der Liebe und dem Meer der Sieben Farben schreiben.

Die Männer schrien ,,Gooool!”, eine zahnlose Bettlerin kam an unseren Tisch, dann eine fliegende Händlerin, die Bücher verkaufte und eine Gruppe gelber Sittiche hüpfte um das Denkmal in der Mitte des Parks. Eigentlich hatten wir lesen wollen vom magischen Realismus, in diesem Café an diesem Morgen. Doch stattdessen bestaunten wir den magischen Realismus um uns herum und diskutierten, warum uns wohl nur Männer umgaben und was passieren musste, damit diese eines Tages auch die Patios schrubbten oder – Gott bewahre! – zuhause blieben und die Kinder hüteten. Wir fragten uns, warum die Bevölkerung nicht lese und wie man sie nachhaltig dazu bringen könnte. Wir sprachen über Literatur, Geschichte, Gesellschaft, Reisen und Kultur. Die Sonne hatte längst ihren tiefsten Punkt erreicht als ich wieder auf mein Mountainbike stieg und mich zur staubigen Landstraße aufmachte, die in der Abenddämmerung nun herrlich rauchig roch.

Categories Kolumbien, PostkartenTags

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